Die Angst des Boomers bei der SB-Kasse

Ein Artikel zum Thema SB-Kassen im Internet und das immer mehr um sich greifende Bashing der „Boomer“ in den sozialen Medien hat mir den Titel dieses Blogs sozusagen aufgelegt. Und weil ich gerne mit Worten spiele, imitiere ich den Stil von Peter Handke ohne mir anzumaßen, dabei nur die Nähe des Nobelpreisträgers zu erreichen.

Titelbild erstellt mit dem Gratis-Bildgenerator von Chat-GPT

oder der Versuch, Peter Handke ins 21.Jahrhundert zu transferieren

Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ handelt vom ehemaligen Fußballtorwart Josef Bloch, der nach seiner (vermeintlichen) Entlassung ziellos durch Wien irrt, eine Kinokassiererin grundlos ermordet und dann in ein Grenzdorf flüchtet, wo er sich immer mehr von der Welt entfremdet und seine Wahrnehmung der Realität verliert, was in der existenziellen Krise gipfelt, die sich auch in der titelgebenden Szene des Elfmeters widerspiegelt, in der er einem Zuschauer die Angst des Tormanns erklärt.

Peter Handkes Erzählung aus dem Jahr 1970 musste seither von Tausenden Schülerinnen und Schülern gelesen werden. Damals im Gymnasium konnte ich wenig damit anfangen, dass sich jemand von der Wirklichkeit und den Menschen so entfremdet, dass das auch in einem Mord gipfelt. Heute verstehe ich das eher, auch wenn ich es trotzdem nicht auf meine Person umlegen kann.

Ich maße mir natürlich nicht an, Peter Handke auch nur annähernd nachahmen zu können, aber ein Artikel zum Thema SB-Kassen im Internet und das immer mehr um sich greifende Bashing der „Boomer“ in den sozialen Medien hat mir den Titel dieses Blogs sozusagen aufgelegt.

Zur Begriffsdefinition: Ein „Boomer“ (m/w) wurde typischerweise zwischen 1946 und 1964 geboren und ist somit Teil der geburtenstarken Nachkriegszeit. In den sozialen Medien wird der Begriff auch oft sarkastisch für (männliche) ältere Menschen mit als veraltet empfundenen Ansichten verwendet.

Kindheitserinnerungen führen direkt zur SB-Kasse

Hans Bauer fährt gern mit dem Auto. Darum stört es ihn auch nicht besonders, dass er zum Einkaufen jedesmal ans andere Ende des Nachbarorts fahren muß, weil in seinem Wohnort es schon jahrelang schon kein Geschäft mehr gibt.

Gleich nach Corona hat auch das Kaffeehaus am Hauptplatz zugesperrt. Ihm ist das zuerst gar nicht aufgefallen, er hat sich ja im Lockdown daran gewöhnt, den Kaffee daheim zu trinken. Auch Isabella, seiner Bekannten, macht es nichts aus, so hat sie Hans für sich, wenn sie sich zweimal in der Woche treffen, einmal bei ihm, das andere Mal bei ihr.

Während er hinter dem Traktor herfährt und ihn nicht überholen kann, denkt er an seine Kindheit zurück. Hans ging gern mit seiner Mutter einkaufen. Nur 10 Minuten zu Fuß entfernt gab es zwei Gemischtwaren- handlungen, fast nebeneinander, eine war von „Spar“, die andere von „Adeg“. Und wie es sich in einem Arbeiterort gehörte, war da auch noch eine Filiale des „Konsum„. In allen drei gab es alles, was das Herz begehrte. Die Mutter konnte ein kleines Pläuschchen mit der Verkäuferin machen, während alles zusammentragen, zusammengerechnet und bezahlt wurde.

Der Traktor ist in der Zwischenzeit auf ein Feld abgebogen und Hans kommt zum ersten Kreisverkehr vor dem Nachbarort. Die lange versprochene Umfahrung wurde nicht gebaut und so fährt Hans durchs Ortszentrum, einmal hinter einer Fahrradfahrerin, die wackelig links abbiegen will, dann hinter einem Pensionisten mit Hut, der sich nicht entscheiden kann, wo er anhalten will. Muss der jetzt fahren, fragt Hans sich, bis ihm einfällt, dass er ja auch seit kurzem den Ruhestand angetreten hat. Also ein bisschen runter vom Gas, er ist ja auch nicht in Eile.

Während er das andere Ortsende erreicht, an dessen Kreisverkehr der Supermarkt liegt, hauptsächlich wegen der Autobahnabfahrt, die auch hier einmündet, schweifen seine Gedanken wieder ab. Schön gemütlich war das schon damals, beim Einkaufen. Gut, es gab nur das Wieselburger als einzige Biersorte für den Vater, eine Joghurtsorte, nämlich das NÖM-Mix und die Milch wurde in die mitgebrachte Flasche abgefüllt.

Aber man brauchte sich nicht mit Plastikkarten, Rabatt-Apps und Handyzahlen herumschlagen. Da war Bargeld noch richtig, der Vater brachte es zuerst noch jeden Freitag, später am Monatsende im Papiersackerl nach Hause. Die Mutter verwaltete das Geld, das Haushaltsgeld wurde zur Seite gelegt und eingeteilt, dass es sich bis zum Monatsende ausging. Vater bekam auch seinen Teil, für das Bier oder Achterl Wein nach der Arbeit mit den Kollegen. Und der Rest wurde gespart.

Dann auf einmal in den 1970er Jahren, musste der Vater ein Gehaltskonto eröffnen, wohin dann der Monatslohn überwiesen wurde. Und die Mutter hatte eine Zeitlang keinen Zugriff, nur der Vater als Haushaltsvorstand war berechtigt, Geld zu beheben. Und auf einmal war der Mutter die Finanzhoheit in der Familie genommen, sie musste fast um das Haushaltsgeld betteln.

Endlich war er mit dem Auto durch den Kreisverkehr und am Supermarkt-Parkplatz eingetroffen. Bei der Suche nach einer genehmen Parklücke kommt ihm der Supermarkt in der Bezirkshauptstadt in den Sinn. Das war jedes Mal ein Erlebnis, wenn ihn die Eltern mitnahmen. Die vielen Regalreihen mit noch mehr Dingen die er nicht kannte, beeindruckten ihn sehr und dann war da noch die Kassiererin die mit atemberaubender Geschwindigkeit die Preise in die Kasse hämmerte.

Beim Eingang holt er sich noch das Wagerl und ist froh, dass es nicht angehängt ist und er nach einem Euro kramen muß. Er geht durch die Gänge und legt fast automatisch die Dinge, die er braucht in den Einkaufswagen. Irgendwo hatte er gelesen, dass Karl Wlaschek schon 1953 seinen ersten „Billa“ in Wien eröffnet hatte. Das dauerte dann aber noch viele Jahre, bis sie auch am Land und in der Bezirkshauptstadt ankamen. Vorher vergrößerten noch die besser situierten Gemischtwarenhandlungen ihr Geschäft und die Chefin oder der Chef saß nur noch an der Kassa. Zum Tratschen hatten sie zwar keine Zeit mehr, aber dafür konnten wir Kunden uns aussuchen, was wir wollten, ohne gefragt zu werden wofür wir das bräuchten.

Während er darüber nachdenkt, wie fortschrittlich und modern das damals war, sieht er die beiden Schlangen an den offenen Kassen, da muss man wieder geduldig sein, aber das ist eigentlich nicht seine Stärke. Er schielt zur SB-Kasse hinüber, da ist die junge Frau gerade fertig, die vorhin hinter ihm das Brot aus dem Regal genommen hatte, sie hält ihre Karte an das Terminal und ist schon raus aus dem Geschäft. Und er steht noch in der Schlange und wartet.

Die Angst des Boomers bei der SB-Kasse

Eigentlich möchte er der Kassiererin die Arbeit nicht wegnehmen, das käme ihm fast wie ein Mord vor, aber das Warten geht ihm auch auf die Nerven. Und genau genommen haben sie ja sowieso zu wenige Kassiererinnen.

Vorne kramt ein Kunde noch im Geldbörsel, der sucht nach den fehlenden Cents, die nächste Kundin zappelt ungeduldig herum, aber es geht nichts weiter. Hans wird aber sicher irgend etwas falsch machen und dann steht er blöd vor der Supermarkt-Mitarbeiterin da. Andererseits, im Internet findet er auch fast alles, was er will.

Also nichts wie hinüber, der Bildschirm erklärt genau die nächsten Schritte, die paar Stücke über den Scanner gezogen und den Bezahlen-Button gedrückt, ist ja gar nicht so was besonderes, da ist das Bezahlen beim Online-Händler komplizierter. Den Zwanziger hineingeschoben, er will es nicht übertreiben und gleich die Bankomatkarte nehmen. Das Retourgeld scheppert und die zappelnde Kundin von vorhin drüben legt gerade ihre Waren aufs Förderband.

Während er zum Auto geht, ist er stolz ein Boomer zu sein. Seine Generation hat die Supermärkte eingeführt und das Internet erfunden, sonst gäbe es heute noch keine SB-Kassen. Die Shitstorms im Internet aber wahrscheinlich auch nicht.