Der Kirtag und das Marktrecht

Der Begriff Kirtag weist auf die Verbindung mit der Kirche und der dort gehaltenen Messe hin. Am Weihetag oder Tag des Kirchenpatrons gesellte sich zur heiligen eben die profane Messe, der Jahrmarkt dazu. Historische Gegebenheiten und Kindheitserinnerungen dazu beschreibe ich in diesem weiteren Blog zum Thema Bräuche, aber auch internationale Beispiele kommen nicht zu kurz.

Standelmarkt mit Tradition

Bis heute ist der Standelmarkt mit Gegenständen des täglichen Bedarfs und Süßigkeiten, wie großen, verzierten Herzen aus Lebkuchen, Schaumrollen oder Zuckerwatte, Teil des traditionellen Kirtags. Die Rolle als Versorger mit Dingen des täglichen Bedarfs hat der Kirtag aber Ende des 20. und im 21. Jahrhundert verloren.

Kaiser Joseph II., dem die „unnötigen“ und die im volkswirtschaftlichen Sinne „unproduktiven“  Dinge ein Dorn im Auge waren, schaffte auch viele Feiertage und Kirchenfeste ab, hauptsächlich um die Zahl der Arbeitstage zu erhöhen. „Seine Majestät haben den allerhöchsten Befehl zu geben geruhet, daß die Kirchweihfeste in den gesammten deutschen Erblanden auf den dritten Sonntag im Monat Oktober versetzet werden sollen …“  mit diesen Worten  verfügte Joseph II. vor 230 Jahren den „Kaiserkirtag“. Das führte aber mancherorts aber dazu, dass dann sowohl die Kirchweihe als auch der kaiserliche Festtag gefeiert wurde.

Bis dahin war es Brauch gewesen, die Kirchweihe an ihrem Jahrestag zu feiern. Meist war es zugleich der Gedenktag des Patrons. Das konnte jedes beliebige Datum sein, mit Ausnahme der „geschlossenen Zeiten“ vor Ostern und Weihnachten, in denen die Kirche keine Tanzunterhaltungen duldete („Kathrein stellt den Tanz ein“).

Das Marktrecht in Enzesfeld

Es ist nicht überliefert, seit wann Enzesfeld das Marktrecht besitzt. Aber schon 1509 wird der Ort im „Beratungsbuch“ als „Markt“ bezeichnet. Es dürfte aber wieder in Vergessenheit geraten sein und nach dem Einfall der Türken 1683, bei dem es nur 36 Überlebende im Ort gab, überhaupt abgekommen sein.

Seit der Gemeindereform von 1848/49 hat die Bezeichnung „Marktgemeinde“ auf österreichischem Territorium jedoch die rechtliche Bedeutung verloren. Von nun an war nämlich das Abhalten von Märkten an eigene Bedingungen innerhalb der Gemeinden gebunden und somit unabhängig vom bis dato eingehaltenen formalen Marktrecht möglich. Das bedeutet faktisch gesehen: Die Bezeichnungen „Markt“ und „Marktgemeinde“ sind seitdem politisch betrachtet ohne Belang.

Im Jahr 1937 beantragte der Enzesfelder Gemeindetag trotzdem „im Hinblick auf die historische und wirtschaftliche Bedeutung“ wieder das Marktrecht, das dann von der NÖ Landesregierung am 31.1.1938 auch gewährt wurde und seitdem gilt.

In Niederösterreich gibt es die meisten Marktgemeinden in Österreich, es sind nämlich 327 Marktgemeinden von insgesamt 573 politisch selbständige Gemeinden.

Kindheitserlebnis Kirtag

Als Kind war es noch ein Erlebnis, einmal im Jahr auf den Kirtag zu gehen. Dort gab es alles, was das Kinderherz begehrte, vom Spielzeug bis zu den Schaumrollen vom Reschinsky, damals nur in Scheibbs. Heute findet man „den Reschinsky“ mit seinen Ständen und Wägen schon auf allen größeren Weihnachtsmärkten und den meisten Kirtagen in Niederösterreich. So hole ich mir dabei fast jedes Mal, wenn ich einen Stand sehe, den Geschmack der Heimat mit einer Schaumrolle, einem Punschkrapferl oder einer Scheibbser Kugel zurück.

Scheibbser Kugel © Reschinsky

Damals war es spannend, in Gaming, Gresten oder Scheibbs „auf den Kirtag“ zu gehen. Die Oma kaufte damals für sich eventuell eine Kleiderschürze oder ähnliches, die Mutter einen Kochlöffel und für die Kinder gab es auch eine Kleinigkeit.

Kirtag in Enzesfeld

In Enzesfeld ist die Pfarrkirche der Hl. Margarete geweiht. Daher fand zumindest ab 1905 jeweils am 20. Juli der Kirtag statt. Seit vielen Jahren wird dieser gemeinsam mit dem Feuerwehrfest am ersten Sonntag im Juli abgehalten, bis Anfang der 1990er Jahre noch in der Schloßstraße. Er wurde dann zum Kaufhaus Scharler verlegt und ist seit einigen Jahren nach einer Zeit in der Fabrikstraße in verkleinerter Form beim Feuerwehrhaus gelandet.

Stiefelkirtag in Leobersdorf

Der Stiefelkirtag findet zweimal im Jahr, im Mai und im November, in Leobersdorf statt. Dabei wird die Leopold Hörbinger-Straße zur Marktmeile, bei der es bei den Standlern wie früher von Kleidung und Geschirr bis zu kulinarischen Leckerbissen alles gibt, was das Herz begehrt.

Das eigene Kirtagsstandel

Als Kind habe ich es mir nicht träumen lassen, dass ich auch einmal einen Kirtagstand haben werde. Aber genau so war es – in den ersten Jahren meiner Obmannschaft beim Hilfswerk Triestingtal (ca. 2011 bis 2015) hatten wir beide Male im Jahr einen eigenen Stand, damals noch in der Südbahnstraße in Leoberdorf vor unserem damaligen Hilfswerk-Lokal, bis wir das wegen mangelnder Einnahmen wieder einstellten, da die meisten Besucherinnen und Besucher des Kirtags nicht auf Kaffee oder ein Glas Wein eingestellt waren.

Ein Schausteller wäre aber sowieso nie aus mir geworden.

Die Österreich-Fotos dieses Blogs habe ich alle am Neuhauser Kirtag im Triestingtal am 14. Juni 2026 gemacht. Dieses traditionelle Fest der Freiwilligen Feuerwehr Neuhaus umfasst neben zahlreichen Kirtagsstandeln einen klassischen Festbetrieb mit musikalischer Unterhaltung und einem Frühschoppen am Vormittag.

Ein paar internationale Beispiele

Zufällig habe ich heuer bereits zwei Märkte außerhalb Österreichs besucht, die sehr gut als Ergänzung zu diesem Blog passen. Eindrücke aus Indien und Thailand runden das Bild ab.

Der Wochenmarkt in Alessandria

Den ersten habe ich auf unserer Heimreise von Sardinien zufällig bei einem Zwischenstopp in Alessandria im italienischen Piemont auf der Piazza Guiseppe Garibaldi entdeckt. Auf diesem, wie ich finde, wunderschönen Platz mit Säulengängen in piemontesisch-lombardischer Architektur herrscht dreimal in der Woche reges Treiben, montags ist der Platz den ganzen Tag, donnerstags und samstags jeweils einen halben Tag lang Marktgebiet, während er den Rest der Zeit profan als Parkplatz genutzt wird.

Hier findet man alles von Kleidung über Schuhe, Töpfe und Pfannen bis hin zu Waschmitteln, einfach alles Mögliche von lokalen, chinesischen, marokkanischen und pakistanischen Straßenhändlern. Dabei ist der Einfluß der arabischen Händler sicher am Größten.

Der Wochenmarkt von Keszthely

Der zweite ist der Wochenmarkt im Stadtzentrum von Keszthely (Ungarn), direkt in der Nähe des Hauptplatzes und des Theaters, leicht erreichbar in der Piac terkepe.

Am Mittwoch und Samstag bieten hier Händler ihre Waren an, von frischem Gemüse und Obst, bunten Blumen, über Honig und Säften gibt es vieles mehr. Hausgemachte Nudeln, Eier aus Freilandhaltung sowie geräucherte Mangalica-Produkte ergänzen das Angebot. Außerdem gibt es frischen Lángos, Lebkuchen und Puszedli (Busserl/Weinbeisser). Man kann sich sogar Schlüssel nachmachen oder Messer schleifen lassen, denn es befinden sich auf dem Marktgebiet auch einige Werkstätten. Ein Teil ist auch ein Flohmarkt, der von Kleidung über Antiquitäten bis zu Dingen des täglichen Bedarfs alles bietet.

Nach langer Zeit habe ich auch wieder einmal ein Rezept, diesmal für die oben genannten Puszedli. Es ist zwar ungarisch, aber das lässt sich ja bequem übersetzen.

Marktbilder aus Hyderabad in Indien

Im Jahr 2007 hatte ich bei meinem Indienaufenthalt die Gelegenheit, einige Märkte zu sehen. Hier zeige ich die Bilder aus dem Zentrum von Hyderabad.

Walking Street Market in Phuket

Wer schon einmal im thailändischen Phuket war, kennt auch den berühmten Walking Street Market. Untenstehend findet ihr meine Erzählung dazu aus dem Jahr 2025.

Markttag in Phuket


Entdecke mehr von New Retired On The Blog

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..