Wir hatten uns extra für Savona und nicht für Genua als Ziel der Fähre aus Korsika entschieden, um möglichst schnell aus der Stadt draußen zu sein. Auf dem Papier, besser gesagt, bei Google Maps und Kurviger.de war das auch so, aber die Realität sah etwas anders aus.
Von Savona bis Iseo
Die ersten 10 Kilometer die Küste entlang waren nur vom Stau der morgendlichen Rush Hour geprägt. Wir taten zwar unser Bestes, aber die italienischen Rollerfahrer waren beim Überholen der kilometerlangen Autoschlangen noch um einiges wagemutiger, oder einfach routinierter. Aber nach gefühlt vielen Stunden hatten wir es geschafft und waren überrascht von der Landschaft und den vielen schönen Kurven hinauf ins Landesinnere.
Erst in Acqui Terme fuhren wir in die Stadt und suchten ein Kaffeehaus. Das war eine willkommene Pause und im gegenüber- liegenden Supermarkt konnten wir unsere Getränkevorräte nachkaufen.
Die nächsten Kilometer bis Alessandria waren unspektakulär und wir fuhren in die Stadtmitte, wo am Piazza Garibaldi gerade ein Markt stattfand. Wir parkten unsere unsere Motorräder vor dem Palazzo Piemonte und schlenderten durch den Markt, der hauptsächlich von arabischen und afrikanischen Händlern dominiert wird.







Eines habe ich leider verpasst: Alessandria ist die Heimat des Borsalino, dieses klassischen Hutes und damit der ältesten italienischen Luxusmarke. Und obwohl ich Hutliebhaber bin, habe ich trotzdem keinen gekauft.

Danach fuhren wir weiter, über die Stadtränder von Pavia und Lodi, bis wir am Abend Villongo am Iseoosee erreichten. Hier lag unser Quartier für diese Nacht, eine private Villa mit traumhaften Blick über den See.


Der Fußweg hinunter zum See war zwar etwas weit, bot aber einige interessante Sehenswürdigkeiten. Die Pizza beim Abfluss des Sees entschädigte für die Anstrengung, die uns aber nach den vielen Stunden am Motorrad eigentlich gut tat.








Die Route von Savona zum Iseosee

Vom Iseosee am nördlichen Rand der Poebene bis Bormio am Fuß des Stilfserjochs
Die auf der Westseite des Sees verlaufende Straße hatte viele Blicke auf den See selbst und die Insel darin, sodass einige Photostopps notwendig waren.






Leider mussten wir früher als geplant diese Straße verlassen, da sie wegen eines Radevents gesperrt war. So entdeckten wir einige Plätze, die wir sonst nicht gestreift hätten. Gut, ein paar Irrfahrten waren auch dabei, weil mich mein Navi immer wieder hinunter zum See geleiten wollte.






Nach dem unspektakulären Passo della Presolana war das spätere Highlight der 35 km lange Passo Vivione, der sich einspurig mit vielen Spitzkehren von Schilpário im Val di Scalve bis auf 1828m Seehöhe hinauf und nach dem Refugio wieder nach Malonno im Val Camónica hinunterwindet.









Auf der SS42 waren es dann nur mehr wenige Kilometer bis Edolo, das wir rechts liegen ließen und am gegenüberliegenden Hang der Hauptstraße fuhren bis wir kurz vor dem Passo Aprica, der mit seinen 1172 Metern gar nicht so leicht als solcher erkennbar, ist auf die SS38 einbogen. Nur das große Kriegerdemkmal, das an den ersten Weltkrieg erinnert, zeigt die Passhöhe an. Dann ging es hinunter ins Valtellina (Veltlin), dem Tal, das vom Comosee bis nach Bormio verläuft.
In Tresenda trifft die Edolo kommende SS38 nach einigen Serpentinen auf die SS39. Von dort waren es dann nur wenige Kilometer bis Tirano, der italienischen Endstation des Schweizer Bernina-Express.


Nach einem gemeinsamen Kaffee am Bahnhof fuhren wir hinaus aus der kleinen Stadt zur Stilfserjochstraße SS38 einmal vorbei, einmal durch einen der Tunnels die letzten rund 40km bis Bormio.




Unser Hotel Miramonti Park lag fast im Zentrum des Ortes, und so war natürlich eine Runde im alten Bormio angesagt, auf der Suche nach einem Restaurant, wo es nicht nur Pizza gab.




Wir fanden dann Sunrise Restaurant con pizerria, ein Lokal, das von außen klein und unscheinbar wirkte, aber eine Spitzen-Trattoria war, wo wir das Glück hatten, ohne Reservierung und Wartezeit einen Tisch für drei Personen zu bekommen.
Vom Iseosee bis Bormio

Über den Stelvio ins obere Salzachtal nach Mittersill
Nach dem ausgiebigen Frühstück waren die Motorräder rasch gepackt und wir schon auf dem Weg hinaus aus Bormio. Die Scheitelhöhe des Stilfserjoches war nur unglaubliche 20 km entfernt. Wir fuhren zwar gemeinsam los, hatten uns aber geeinigt, dass jeder seine eigenen Fotostopps machen sollte und wir uns oben wieder treffen.






Insgesamt 87 Kehren lagen vor uns, hinauf von Bormio aus sind es 39 und 48 hinunter nach Prad. Da war unsere Fahrt über den Passo del Vivione am Vortag eine gute Einstimmung, der zwar deutlich kürzer, aber mit seinen einspurigen Haarnadelkurven um Einiges herausfordernder war.



Der Stelvio wurde am 22. Mai nach der Wintersperre geöffnet worden und wir waren wenige Tage später, am 27. Mai dort. Das noch dazu am frühen Vormittag und mitten in der Woche, da war der Ansturm noch nicht so groß.




Obwohl auf dem Pass dann schon ziemlich viele Motorräder parkten, war davon bei der Auffahrt nichts zu spüren und die wenigen PKWs und Wohnmobile leicht zu überholen. Auch der Gegenverkehr war harmlos, ich kann mich nur an ganz wenige Zusammentreffen in einer der Kurven erinnern.





Den Blick hinunter von der Tibet-Hütte sollte man sich auch nicht entgehen lassen, sie war aber noch nicht geöffnet. Der Geruch von frisch gekochtem Gulasch deutete aber darauf hin, dass das nicht mehr lange dauern würde, am Wochenende würde man es schon essen können. Wir genossen dafür mit vielen anderen den Ausblick auf die Ortler-Gruppe und den Verlauf der Straße hinunter Richtung Norden nach Prad.


Während wir vor wenigen Tagen noch über 30 Grad hatten, waren hier oben noch einige Schneewächten mehr als 2 Meter hoch. Der Pass ist ja mit seinen 2757 Metern nach dem Col de l’Iseran der zweithöchste befahrbare Gebirgspass der Alpen.


Nach der genussvollen Abfahrt über 48 Spitzkehren gönnten wir uns einen Mittagskaffee in Prad, bevor es weiter hinunter in den Vinschgau Richtung Meran ging.
Dabei hatten wir uns grob verschätzt. Wir waren vom vielen Verkehr und den damit verbundenen Staus auf dieser Strecke von rund 50 km bis Meran überrascht. Das kostete trotz Vorfahrens über weite Strecken ungefähr die doppelte Zeit als geplant war. Durch Meran und hinauf bis St.Leonhard im Passeier war dann schon ein Vergnügen und die Auffahrt auf den Jaufenpass kann man eigentlich nur genießen.
Am Scheitelpunkt fanden wir eine komplett neu gebaute Edelweiß-Hütte, die mit ihrer rustikalen Vorgängerin nur den Namen und die Betreiber gemeinsam hat. In nur wenigen Monaten wurde das architektonisch interessante Gebäude aus und vor allem auch in den Boden gestampft, da sich ein Teil unterirdisch befindet. Die riesengroßen Torten, wegen denen nicht nur Biker hielten, gibt es auch noch.





Wir genossen das Essen und das Sitzen in der Sonne, bis es Zeit war, uns hinunter Richtung Pustertal in Bewegung zu setzen. Jetzt muss man wissen (einige die öfter mit mir fahren, wissen das …), dass ich sehr nachlässig beim Abziehen des Zündschlüssels bin. Das ist beim Photostopp kein Problem, bei einer einstündigen Mittagspause aber schon. Die Crosstourer machte keinen Mucks, nicht einmal die Kontrolllampen leuchteten, so leer war die Batterie.
Aber ich bin da schon geübt, ich hatte das Problem aus ähnlichen Gründen Im Vorjahr bei meiner Fahrt in die Schweiz am Molvenosee. Die Nummer des ÖAMTC kannte ich fast auswendig, ich schilderte mein Problem und dann hieß es vorerst zu warten. Ich schickte Franz und Werner los, damit zumindest sie noch rechtzeitig die letzte Auffahrt auf den Stallersattel Richtung österreichisches Defereggental erreichten.
Bald kam eine SMS mit der schon bekannten Info, dass in diesem Gebiet das Fahrzeug nur zur nächsten Werkstatt abgeschleppt werde. Beim nächsten Anruf des Pannendienstes überzeugte ich die nette Mitarbeiterin, dass ich nur Starthilfe brauchte und nach 40 Minuten kam ein junger Mann angefahren und mit seinem Booster lief mein Bike Sekunden später wieder.
In der Zwischenzeit war es 15:30 und ich hatte noch eine Reststrecke von 200 Kilometern bis zum Hotel in Mittersill. Nach einem Donnergrollen begann es leicht zu regnen, aber bis ich unten war, war es schon wieder vorbei und ich nach wenigen Minuten wieder trocken. Bis Sterzing ging es dann recht flott, nach einem kleinen Abbiegefehler war ich endlich im schönen Pustertal. Dachte ich zumindest. Aber schön war da gar nichts mehr.
Baustellenlöcher und Umleitungen bei der Pustertal-Staatsstraße wird es da noch die nächsten paar Jahre geben. Und irgendwie sieht es so aus, wie wenn ich im Juli auf dem Weg in die Schweiz wieder dort durchfahren würde. Weil es schon so spät war, ließ ich den Stallersattel aus und fuhr von Lienz wieder einmal Richtung Felbertauerntunnel, in der Hoffnung dass die schwarze Wolke über mir nicht auslässt. Aber leider, auch das dritte Mal durch diesen Tunnel erwischte mich der Regen wieder. Aber bis hinunter nach Mittersill war ich schon wieder trocken, da wurde es am späten Abend sogar nochmals sonnig.





Im Gasthaus gegenüber unseres Hotels warteten Franz und Werner bereits mit einem Bier, womit der letzte gemeinsame Abend der Sardinien-Tour zu Ende ging.



Von Bormio bis Mittersill

Von Mittersill heim
Da jeder von uns ein anderes Ziel hatte, Franz in der Steiermark, Werner im Ötscherland und ich im Triestingtal, fuhren wir getrennt los. Das Ennstal durchquerte ich von Schladming bis Rottenmann auf Nebenstraßen um dem Stau-Hotspot Liezen auszuweichen.





Von dort bis Leoberdorf im Südlichen Niederösterreich nahm ich dann die Autobahn, was außer einem kleinen Regenguß ohne besondere Ereignisse blieb. Und so erreichte ich nach einer Tagesetappe von 368 Kilometern bei 30 Grad das heimatliche Carport.



Die letzte Etappe von Mittersill bis Enzesfeld

Fazit
Die Strecke von 4367,5 km bei insgesamt 11 Fahrtagen war geprägt vom Wetterglück. Während daheim und im nördlichen Italien extrem schlechtes Wetter herrschte, wichen wir bei der Hinfahrt so gut aus, dass wir in 4 Tagen nur rund eine halbe Stunde wirklich im Regen fuhren und das trocknet der Fahrtwind bis zum Abend wieder.
In Sardinien selbst gab es gleich am ersten Abend ein Gewitter und das wars dann. Am Heimweg ist der Felbertauern für mich immer die Strecke im Regen, jetzt werde ich ihn nicht mehr so schnell wieder fahren.
Wenn man aus Niederösterreich, dem Land der Kreisverkehre kommt, glaubt man das sei nicht mehr zu toppen, aber im Vergleich zu Sardinien und Italien stammen wir diesbezüglich aus einem Entwicklungsland. So viele auch mehrspurige Kreisel gibt es bei uns bei weitem nicht.
Und was ich noch gelernt habe: Obwohl Österreich die höchsten Spritpreise der ganzen Welt hat, mit den höchsten Steuern überhaupt, haben wir in Italien zwischen 2,00 und 2,10 Euro fürs Benzin gezahlt, während es in der Heimat um 1,80 bis 1,90 Euro pro Liter zu haben war.
Noch etwas, das uns aufgefallen ist: die italienischen Autofahrer sind nicht nur gegenüber Motorrädern zuvorkommend und rücksichtsvoll, das ist man als gelernter Österreicher gar nicht gewohnt.
Und überhaupt, die gut 4000 Kilometer waren abwechslungsreich und spannend und es hat fast immer Spaß gemacht, das erleben zu dürfen.
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