Als ich wach wurde, hörte ich schon den Regen draußen. Das hörte sich nicht besonders gut an und ich hoffte, dass es nach dem Frühstück besser sein würde. Und wirklich, der Regen hatte aufgehört, nur waren die Berge um Martigny alle von Nebelschwaden und Wolken verhangen. Ein italienischer Radfahrer, der gestern erst den Großen St.Bernhard heruntergefahren war, riet mir, die Fahrt über diesen Pass zu verschieben, es würde heute nicht mehr wirklich besser werden.
So disponierte ich um und nahm mir vor, den Simplonpass von Brig im Norden nach Domodossola im Süden zu fahren und nicht umgekehrt. So bleibt der Große St.Bernhard weiter auf meiner Bucketlist, ich brauche ja auch Pläne fürs nächste Jahr auf meiner Rückfahrt von der Route des Grandes Alpes.




Nachdem es nicht wirklich zu regnen aufgehört hatte, zwängte ich mich in die Regenkombi und dann war das Rhonetal aufwärts meine nächste Etappe. Die ersten 15 Kilometer durch einige Dörfer waren praktisch schnurgerade, nur durch einige Kreisverkehre unterbrochen.
Dann tauchten oberhalb von Sion zwei Hügel mit Burgen auf, links die Burg Tourbillon und rechts davon die Basilika von Valère (Valeria).
Ende des 13. Jahrhunderts errichtet, wurde das Schloss 1417 während des Aufstands von Walliser Patrioten zerstört und im 15. Jahrhundert komplett wiederhergestellt. Beim „Grossen Brand“ im Mai 1788 wurde es dann endgültig zerstört und erholte sich davon nicht mehr. Die Ruinen werden heute dank der Stiftung Schloss Tourbillon instandgehalten und überragen Sion und das Rhonetal.
Die Domherrensiedlung mit der Basilika von Valère liegt seit dem 12. Jahrhundert auf dem niedrigeren Hügel und wurde Mitte des 13. Jahrhunderts im gotischen Stil vollendet. Seither ist sie beinahe unverändert in ihrem Gesamtvolumen und beherbergt die älteste noch bespielbare Orgel der Welt.



Dass das Rhonetal das wichtigste Weinanbaugebiet der Schweiz ist, war mir schon bekannt, bevor ich hier durchfuhr und die Bilder zeigen es ja schon am Anfang dieses Blogs. Und trotzdem ist mir während einem meiner Fotostopps nicht aufgefallen, dass ich direkt gegenüber einem der größeren Weingüter halt machte. Die Les Celliers de Sion wurden 1992 von den beiden Winzerfamlien Varone und Bonvin gegründet. Diese Weinkellerei auf über 1000 Quadratmetern ist gleichzeitig der Zugang zur ersten Weinerlebniswelt der Schweiz am Fuße des spektakulären Terrassenweinbergs von Clavau.




In Leuk wird aus der deutschsprachigen Rotten die französischen Rhone, die durch den Regen der vergangenen Nacht groß und reißend geworden war. Leuk ist außerhalb der Schweiz nicht so bekannt wie der im Tal oberhalb liegende Wintersport- und Thermalkurort Leukerbad.





In der Zwischenzeit war das Wetter besser geworden, darum wollte ich noch Saas-Fee besuchen. Das ähnlich wie Zermatt autofreie Saas-Fee (1800 m ü. M.) liegt zu Füssen des höchsten Bergs der Schweiz, des Dom (4545 m) und ist ein bekannter Wintersport- und Wanderort.


Schon die ersten Kilometer der Zufahrt sind spektakulär. Die 270 m lange, gebogene Chineggabrücke ist seit 2023 Teil der Umfahrung der Ortschaft Stalden. Sie löste die 1959 errichtete Iliasbrücke ab, von der man einen schönen Blick auf die Merjenbrücke hat, die 1930 errichtet wurde, um das Saastal auch für den damaligen Schwerverkehr zugänglich zu machen. Insgesamt 30 Brücken und Stege, die Fußgänger, Bahn, Strassenverkehr oder auch das Wasser über die zahlreichen Gräben führen, machen Stalden zum Brückendorf der Schweiz.







Nach diesen Kurven führt die Straße nicht mehr ganz so spektakulär über Saas-Balen mit seiner Rundkirche und Saas-Grund hinauf bis zum Parkhaus von Saas-Fee.


Den Ort selbst muss man zu Fuß erkunden, wobei die traditionellen, schwarzgebrannten Walliser Holzhäuser und die alten Stadel auf Stelzen das Bild am Ortseingang prägen.








Nach einem Kaffee mit Kuchen in einem der vielen kleinen Cafes machte ich noch eine Runde durch den Ort, bei der es wieder zu regnen begann und ich froh war, meine Regenkombi noch nicht ausgezogen zu haben.







Saas-Fee wurde erst im Jahr 1951 mit einer Autostrasse erschlossen, blieb aber seitdem ein autofreies Dorf. Heute sind, wie auch in Zermatt, spezielle Elektroautos als Taxi und Transportfahrzeuge unterwegs, was aber dem Tourismus keinen Abbruch tut, eher im Gegenteil.

Auch der Blick hinunter und das Tal hinaus bot immer wieder schöne Ausblicke, ein paar davon konnte ich auch mit Bildern dokumentieren.


In Visp bog ich wieder rechts in das Tal der Rotten (hier noch in Deutsch für Rhone) ab, aber schon gute fünf Kilometer weiter kurz vor Brig kam schon ein großer Kreisverkehr, wo der grüne Wegweiser die Schnellstraße zum Simplonpass anzeigte. Hier gab es auch eine Zusatztafel, die diesen Teil als mautfrei kennzeichnete.
Geradeaus wäre die Strecke Richtung Furkapass und Nufenenpass weitergegangen, die ich bei meiner ursprünglich geplanten Tour über den Großen St.Bernhard und den Simplonpass in der Gegenrichtung genommen hätte.
Der Simplonpass führt mit breiten langen Kurven, die ganzjährig befahrbar sind, bis auf den Scheitel auf 2005 Meter hinauf und verbindet die Schweiz von Brig im Wallis mit Domodossola in Italien. Er ist zwar motorradtechnisch nicht aufregend, gilt aber trotzdem als einer der schönsten Alpenübergänge. Recht bald kam das nächste Brückenhighlight, die Ganterbrücke, die seit 1981 befahren werden kann.


Der Simplon ist flott zu fahren und bietet nur wenige Möglichkeiten für Fotostopps und so war ich recht bald beim Simplon Restaurant, das aber geschlossen war.



Einige Kurven weiter erreichte ich aber wirklich die Scheitelhöhe auf 2000 Metern Seehöhe, von wo es links zum Simplon-Hospiz geht, in dem seit 1831 die Chorherren vom Grossen Sankt Bernhard Pilger und Gäste empfangen. Rechts der Straße blickt der neun Meter hohe Simplon-Adler als Symbol der Wachsamkeit zur Erinnerung an die „Wacht am Simplon“ während des 2. Weltkriegs herunter.


Und dann schon einige Höhenmeter hinunter, auf rund 1400 m liegt unterhalb der Straße das Alte Hospiz. Es ist ein noch immer beeindruckender Bau, der 1650 errichtet wurde, als nur ein Saumpfad über diese damals schon wichtige Verkehrsverbindung führte. Heute gehört es der Schweizer Armee und dient als Truppenunterkunft.



Im weiten Tal von Domodossola war es dann schon recht heiß und ich war froh, meine Regenkombi ausziehen zu können, als ich mein Hotel direkt in der Fußgängerzone gefunden hatte. Nach einer ausgiebigen Dusche machte ich noch eine Runde durch die Altstadt, bevor ich mir in einer Trattoria eine richtige italienische Pizza bestellte, auf die ich mich schon seit Tagen freute.











Die Route am zweiten Rückreisetag

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