Ich habe im vorigen Blog gar nichts zum Hotel geschrieben, obwohl man nur ganz selten so etwas Außergewöhnliches findet. Allein die Lage des kleinen Hotels Locanda Piemonte Daa Sciolla mitten in der Altstadt und Fußgängerzone von Domodossola ist genial. Die Zimmer befinden sich in einem turmartigen geschmackvoll renovierten Gebäude mit Blick vom kleinen Balkon in die Fußgängerzone. Erreichbar ist es mit dem Motorrad nur halblegal durch einige mit Flußkieseln gepflasterte Gässchen. Zusätzlich hatte ich das Glück, dass ich meine Crosstourer direkt am privaten Unterstand der Besitzerin parken konnte.
Das Frühstück war dann die Draufgabe. Die Gastgeberin kam immer wieder mit kleinen Spezialitäten vorbei und kümmerte sich zuvorkommend um ihre Gäste, sodass man sich sehr wohl fühlen konnte.

Durch das Centovalli
Aber ich wollte ja weiter, und zwar durch das Centovalli bis Locarno und weiter über Bellinzona den San Bernadino hinauf bis Splügen. Vor zwanzig Jahren haben meine Frau und ich das „Tal der 100 Täler“, wie das Centovalli übersetzt heißt, in der einen Richtung mit der Vigezzina-Centovalli Bahn und dann in der anderen Richtung mit dem Auto erkundet und diesmal ist das Motorrad dran.
Nach einigen Kurven mit recht viel Montagmorgen-Verkehr Richtung Domodossola öffnete sich das Tal, das hier genau genommen noch Valle Vigezzo heißt.
In Santa Maria Maggiore, wo sich jedes Jahr Schornsteinfeger aus aller Welt treffen, erinnert ein Museum an die zahlreichen Kaminfegerkinder, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor allem in den Städten Norditaliens als Schornsteinfeger arbeiten mussten. Auch das Museo di Val Verzasca in Sonogno auf Schweizer Seite thematisiert die Geschichte der Kaminfegerkinder. Das Buch „Die schwarzen Brüder“ erzählt deren bedrückende Geschichte in Romanform.
Gleich neben der Straße fotografierte ich, wie ich erst beim Schreiben dieses Blogs herausgefunden habe, die älteste Kirche des Valle Vigezzo, die Pfarrkirche Santa Maria Assunta.

Nach soviel Geschichte ging es weiter in den nächsten Ort Malesco, wo die SS631 Richtung Süden über das Orassotal bis Canobio am italienischen Teil des Lago Maggiore abzweigt. Ich fuhr aber rechts weiter auf der SS337 Richtung Schweizer Grenze. Bei der Überquerung der Brücke über den Melezzo Orientale, der das Tal durchfließt, entdeckte ich am Ufer eine kleine Kirche, die ich mir ansehen wollte. Die Oratorio Madonna del Gabbio wurde im 18. Jahrhundert auf einer alten Kapelle errichtet und wäre auch interessant zu besichtigen gewesen, aber es fand gerade eine Feier statt, die ich nicht stören wollte, daher gibt es von mir nur Bilder von außen.



Also fuhr ich wieder zurück auf die Hauptstraße und weiter Richtung Centovalli, wo ich gerade unterhalb der Straße das erste Mal die Chance hatte, regulär stehen zu bleiben und die Centovalli-Bahn zu fotografieren.


Der Wallfahrtsort des Valle Vigezzo heißt Re, einer der vier Orte in Italien mit dem kürzesten Namen (die drei anderen sind Ne, Ro und Vo) und wird von der Wallfahrtskirche Madonna del Sangue dominiert, die eigentlich aus zwei Kirchen besteht. Die erste Kirche aus dem Jahr 1627 wurde zu klein und so wurde eine zweite neobyzantinische Kirche angebaut und im Jahr 1958 eingeweiht.


Einige imposante Kurven, Brücken und Tunnels weiter erreichte ich die Grenzstation zur Schweiz in Ribellasca, natürlich über eine Brücke und mein kurzer Italientrip war schon wieder vorüber.




Gleich anschließend erreichte ich wieder ein Highlight des Centovalli, den Lago di Palagnedra. Dieser Stausee mit der 72m hohen Staumauer ist mehr als zwei Kilometer lang und in seinem Ostteil bis zu 300m breit.



Auf dieser Tour kamen Brücken und Viadukte nicht zu kurz, die Bahn querte bei Verdasio hoch oben in einem Bogen die noch verwinkeltere Straße und bald auf einer wunderschönen Eisenbrücke bei Intragna.




Mein letzter Halt im Centovalli war in Tegna, einem kleinen Ort mit der malerischen, aber verschlossenen Kirche Santa Maria Assunta und dem danebenliegenden Pfarrhaus direkt an der Bahnlinie, an der ich dann anschließend beim Schranken ein letztes Mal die Centovalli-Bahn fotografieren konnte.






Ein Abstecher ins Maggiatal bis ins Bergdorf Fusio
Gleich dahinter, in Pontebrolla zweigt das Maggiatal ab, eines der größeren der namensgebenden Täler des Centovalli. Da ich schneller durchs Centovalli durch war als gedacht, wollte ich noch dieses Seitental bis ins letzte Dorf, Fusio, erkunden.
Die ersten Kilometer nach dem Taleingang war der Verkehr extrem stark, die Nähe von Locarno und Ascona machte sich bemerkbar. Aber nach den ersten Ortschaften wurde es merkbar weniger, nur an manchen Stellen parkten die Fahrzeuge der Badenen, die sich von der extremen Hitze im Fluß Maggia abkühlten.
Viele alte Stadeln in der traditionellen Steinbauweise und Kapellen prägen neben der imposanten Landschaft den Charakter dieses Tales.




Ein interessanter Zylinder mit schrägem Dach fiel mir im Dorf Mogno weiter hinten im Tal auf. Den Hintergrund dazu erfuhr ich erst beim späteren Recherchieren.
Ein Lawinenunglück verschüttete 1986 das Dorf und zerstörte die Kirche San Giovanni Battista aus dem 17. Jahrhundert. Da das Dorf unbewohnt war, gab es zum Glück keine Toten und Verletzten. Der Tessiner Architekt Mario Botta ersetzte die Ruine durch eine neue Bergkirche in Form eines 17m hohen Baus in zylindrischer Form mit geneigtem Glasdach und Streifenmuster aus Marmor und Gneis. Er schuf damit ein neues Identifikationsobjekt in diesem Tal und ein Wahrzeichen moderner Sakralarchitektur.


Ab der Brücke bei Mogno wurde die Straße praktisch einspurig, das Postauto fuhr aber, wie in der Schweiz üblich, auch diese Strecke regelmäßig. So hoffte ich, dass mir nicht nur bei den Spitzkehren keines entgegenkommen würde. Und ich hatte Glück, nur ein einziges Motorrad kam die steile Strasse herab.
So waren die zwei Kilometer bis hinauf ins Dorf Fusio schnell und ohne Probleme geschafft. Geparkt wird etwas unterhalb des Dorfes, das wie hingeklebt am Berghang gegenüber steht. Darum wanderte ich dann gemütlich die Dorfgasse hinauf, hier kommt nur ein kleines Auto durch und das ist daher den Einheimischen vorbehalten.


Ein Restaurant, die Antica Osteria Dazio lädt mit seiner Glastür, die auf den ersten Blick so gar nicht in das Dorfgefüge passt, zum Eintritt und man ist in einem wunderschönen modernen und doch passenden Ambiente. Ich hatte das Glück, noch einen Platz auf der Terrasse zu bekommen, was nach diversen Rezensionen gar nicht so selbstverständlich zu sein scheint. Der Brasato al Merlot (Rinderschmorbraten), eines der regionalen Spezialitäten, schmeckte mit dem Wahnsinnsblick in das Val Lavizzara so gut, dass ich aufs Fotografieren vergessen habe. Wenn man es rustikal mag, kann man hier sein Matratzenlager auf dem Heuboden beziehen, wo bis zu 14 Personen schlafen können. Es gibt aber auch noch andere wunderschöne Zimmer.


Eine Runde durch das Dorf auf 1280 Metern Seehöhe mit den vielen noch mit Stein oder Schindeln gedeckten Gebäuden und der Kirche musste dann natürlich schon gemacht werden, bevor ich wieder zum Motorrad zurückkehrte.










In der Zwischenzeit war das Postauto auch schon angekommen, jetzt könnte nur noch ein LKW oder großer Traktor die Hinunterfahrt etwas spannender machen.

Kurz vor Lavizzara kamen noch die letzten spektakulären rund zehn Haarnadelkurven, die eigentlich ein gemauerter Zick-Zack im Steilhang sind.

Danach öffnete sich dasTal hinunter nach Peccia, wo sich die Maggia tief eingeschnitten hatte.





Hitze von Locarno bis Bellinzona
Dann ging die Fahrt flott das Tal hinaus nach Locarno, wo ich am Yachthafen noch einen kleinen Zwischenstopp bei einem Becher Eis einlegte. Die Stadt selbst hatten wir schon einige Male besucht, daher machte ich diesmal auch wegen der Hitze keine Sightseeing-Runde.
Über die Grenzen der Schweiz ist die Stadt am Lago Maggiore auch durch das Locarno Film Festival bekannt, das diesmal zum 79. Mal vom 5. bis zum 15. August 2026 stattfand.






Ich bin ja recht hitzebeständig, aber die anschließende Fahrt über die B13 von Locarno bis Bellinzona war mit rund 39 Grad in dieser Hinsicht der Höhepunkt. Der Verkehr zwischen den zusammengewachsen Orten mit vielen Ampeln war extrem stark, was das in der Schweiz verbotene Vorfahren auch praktisch unmöglich machte. Da war ein Supermarkt die willkommene Abkühlung und zwei Flaschen kühles Wasser brachten den Flüssigkeitshaushalt wieder ins Lot.
Viel Panorama und schöne Kurven auf dem San Bernadino
Erst nach Bellinzona wurde der Verkehr wieder flüssiger, da die meisten Fahrzeuge ja die Autobahn über den San-Bernadino-Pass nahmen. Die Bundesstraße B13 verläuft gut ausgebaut mit raschen Kurven durch das Misox vorbei am Castello di Mesocco bis auf 1608 Meter ins Dorf San Bernadino GR am Südportal des 1967 eröffneten Schnellstraßentunnels der A13.




Die gelbe Rundkirche im Ortszentrum wurde 1897 geweiht und stellt eine Nachahmung der Basilika San Carlo al Corso in Mailand dar.



Auf 2066 Metern ist dann die Scheitelhöhe mit dem Hospiz, das aber an einem Montag Ruhetag hat und daher geschlossen war. Für einige Fotos hat es trotzdem gereicht.





Auch wenn es nicht nur für mich verwirrend war, besteht trotz der Namensähnlichkeit keine Beziehung zu den Pässen Grosser Sankt Bernhard zwischen Martigny und Aosta, den ich ja bei dieser Tour am zweiten Tag auch überqueren wollte, und dem Kleinen St.Bernhard zwischen Courmayeur im italienischen Aostatal und Séez in Frankreich. Jetzt habe ich diese beiden Pässe auf der Rückfahrt von der Route des Grandes Alpes im nächsten Jahr eingeplant.
Bis hinunter zum Nordportal des Tunnels war in der kargen Felslandschaft nochmals eine der vielen Ampelbaustellen dieser Tour und bald ging es mit mindestens 15 Haarnadelkurven ins Tal des Hinterrhein.






Von dort verlief die B13 vorbei an den Dörfern Hinterrhein und Nufenen (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Pass) bis Splügen, wo ich in den letzten Jahren schon zweimal nach der Passauffahrt von Chiavenna kommend, gelandet war. In der nächsten Ortschaft Sufers, direkt an der A13, lag dann mein Tagesziel, das Hotel Seeblick oberhalb des Suferer Stausees.



Beim Abendessen auf der Terrasse mit herrlichem Blick auf den See war es dann mit 20 Grad im Vergleich zu den 39 Grad in Locarno recht frisch, aber erholsam nach diesem intensiven Tourtag.
Die Route des dritten Heimreisetages




































































