Heimreise 1: Familiengeschichte, Friedensbotschaft, Käselöcher, Queen, Kaiserin und auch ein paar Kurven

Wo ist der Heimatort der Familie meiner Frau? Wie und wo kommen die Löcher in den Käse? Was haben Kaiserin Sissy, Freddy Mercury und Mahatma Gandhi gemeinsam? Auf alle diese Fragen erwartete ich mir auf meinem ersten Rückreisetag aus der Schweiz eine Antwort.

Für Motorrad und Fahrer war das sicher keine besondere Herausforderung, aber landschaftlich sollte es auf jeden Fall interessant werden. Und außerdem sollte mich dieser Tag bis an den Fuß des Großen St.Bernhard bringen, wo des dann genug Kurven geben würde.

Eigentlich war aber schon nach wenigen Minuten fast alles anders. Zuerst hatte ich mich noch über einen letzten Blick auf den Zürichsee gefreut.

Ich wollte ohne Umwege auf dem direkten Weg über den Albis fahren und bog in Langnau von der Sihltalstraße links ab. Aber ein Straßenarbeiter hielt mich auf und erklärte mir, dass die Straße den ganzen Tag wegen Asphaltierungsarbeiten gesperrt wäre. Eine Umleitung war nicht eingerichtet und er wusste den Weg auch nicht.

Aber Google Maps half weiter und so fuhr ich die Sihltalstraße einige Kilometer weiter bis ich wieder links abzweigen konnte und so kam ich mit einem Umweg von 5 Kilometern wieder beim Wildnispark Langenberg heraus, an dem ich erst wenige Tage auf meinem Rückweg von der Habsburg vorher vorbeigefahren war. Damit hatte ich nur mehr kurz zu meiner geplanten Route.

Und schon führte die Straße durch die hügelige Landschaft des Albis und bald wechselte ich bei einer Unterführung vom Kanton Zürich in den Aargau, der aber nur mit einem Zipfelchen zwischen die Kantone Zürich und Luzern hereinrecht und so war ich wenige Kilometer später am Sempachersee, der im Gegensatz zu den meisten Schweizer Seen nur an wenigen Stellen öffentlich zugänglich ist und recht malerisch in der Landschaft liegt.

Ein Stück Familiengeschichte

Für mein nächstes Ziel wechselte ich wieder den Kanton und befand mich bald in Huttwil im Kanton Bern, dem Bürger- oder Heimatort meiner Frau. Im Unterschied zum Geburtsort in anderen Ländern wird der Heimatort vererbt und das ist für ihre Familie seit mindestens 5 Generationen eben Huttwil. Soweit ich weiß, war noch niemand der lebenden Verwandten meiner Frau je in diesem Ort, und so war ich der Erste, der das Familienwappen in den Rundbogenfenstern des Restaurants Stadthaus im Original zu sehen bekam. Nach einem Kaffee im Gastgarten machte ich noch einen kleinen Spaziergang durch diesen für die Familie geschichtsträchtigen Ort. Die erste Frage in der Einleitung war damit gelöst.

Alles Käse im Emmental

Manchmal stellt man sich gar keine Frage und bekommt dennoch eine Antwort. So ging es mir auch, als ich wenige Kilometer später, in Affoltern im Emmental,  einen Wegweiser zu einer Schaukäserei sah.

Nach einer interessanten interaktiven Führung kannte ich die Geschichte des Emmentalers, die Bedeutung für die Region und natürlich auch das Geheimnis der Löcher im Käse. Nein, die werden nicht gebohrt, sie entstehen durch Propionsäurebakterien. Diese Bakterien wandeln während der Reifung im Gärkeller Milchsäure in Kohlendioxid um. Das Gas kann durch die feste Rinde nicht entweichen, sammelt sich an winzigen Heupartikeln in der Milch und bildet so die typischen großen Löcher.

Da ich die Kantonshauptstadt Bern möglichst weit umfahren wollte, fuhr ich Richtung Süden bis kurz vor dem Thunersee. Bei Jaberg überquerte ich die Aare, die in der Nähe des Grimselpasses entspringt und durch den Brienzersee und Thunersee fließt. Hier unter der Brücke nutzten einige Jugendgruppen die Aare zum Raften und Schlauchboot fahren.

Ein weitere Schweizer Besonderheit: gedeckte Holzbrücken

Rund eine halbe Stunde später hat mir die Planungsapp „kurviger“ ein weiteres Highlight beschert, von dem ich bis dahin nichts gewusst habe. Vier überdachte Holzbrücken quasi mitten im Wald überqueren an der kleinen Strasse durch den Seligraben von Rüti bei Riggisberg nach Rüschegg-Graben den kleinen Bach Biberze. Ja, das bedeutet aus dem Galloromanischen kommend „Biberbächlein“. Sogar für das Schweizer Denkmalamt sind Rütiplötsch-, Rütigrund- und Untere und Obere Schwandbrücke auf diesen wenigen Kilometern etwas Besonderes. Die Brücken stammen aus 1867 bzw. 1878, nur die Rütiplötschbrücke wurde 1937 nach einem Hochwasser wieder neu aufgebaut.

Ganz zufällig ist das trotzdem nicht, denn von den rund 350 gedeckten Holzbrücken in der Schweiz liegt ein Drittel im Kanton Bern, auch wenn wir Nichtschweizer praktisch nur die Kapellbrücke in Luzern kennen.

Ein Gault&Millau gewürdigtes Cola

Es wurde heißer und heißer und so wurde wieder eine Schattenpause fällig, als ich bei der Kreuzung in Giffers einen Gasthof mit Garten entdeckte, der mich genau zu dieser Pause einlud. Die Besitzerin war äußerst freundlich und zuvorkommend und servierte meinen Softdrink und gleich noch einen zweiten, der Durst war groß. Erst im Nachgang entdeckte ich, dass der Gasthof zum Roten Kreuz wegen seiner regionalen Schweizer Küche von Gault&Milau auf Platz 8 der 10 besten „Kreuz“ Restaurants der Schweiz gekürt wurde. Also, gekröntes Service nur für einen Softdrink. Eigentlich schade, dass ich keinen Hunger hatte.

Nun wurde es französisch

Nachdem die Ortsnamen auf einmal französisch waren, konnte es ja nicht mehr sehr weit bis zum Genfersee sein. Und wirklich, ein See tauchte auf und ich dachte schon, angekommen zu sein. Als ich dann bei Corbières FR den See auf einer Brücke überquerte, wurde mir klar, dass das nicht stimmen konnte, ich war erst am Lac de la Gruyère, einem Stausee im Kanton Freiburg.

Diesmal etwas zuviel Respekt vor dem Regen

Bald kamen immer mehr dunkle Wolken auf un und die ersten schweren Regentropfen trafen mich. Mit der Erfahrung der letzten 15 Minuten meiner Anreise suchte ich nach einem trockenen Standplatz, wo ich mich regendfit machen konnte. Da tauchte am Straßenrand ein kleiner Bauernhof mit einer Einfahrt auf, die wie gemacht für meine Zwecke war. Nichts wie hinein, die Regenjacke angezogen und noch etwas gewartet bis es weiterging und kurze Zeit später war der Spuk schon wieder vorbei.

Der Genfersee

Und dann war er da, der Genfersee. An der Ortseinfahrt von Chardonne, wo wir vor vielen Jahren schon bei einem Weinfest waren, gab es den ersten Blick hinunter nach Vevey und über den See.

In weiten Kurven führte die Straße hinunter, vorbei an der Station der Standseilbahn, von der ich in einem meiner ersten Blogs „Montreux im März“ geschrieben habe.

Und dann kam ich gerade noch zum Ende des Montreux Trail Festivals an die Uferpromenade. Diese Trailrunning-Veranstaltung, die Ausdauersport mit einer festlichen, musikalischen Atmosphäre verbindet, ist vom Montreux Jazz Festival inspiriert, das erst einige Tage vorher stattgefunden hatte.

Dadurch war Hochbetrieb, aber ich entdeckte ihn doch an der Uferpromenade, Freddy Mercury, den Sänger der Popgruppe Queen in seiner typischen Pose vor der Kulisse des Sees.

Nach einem Eis direkt am See machte ich mich daran, die letzten gut 40 Kilometer bis zu meinem Ziel in Martigny zu fahren. Aber bald, in Villeneuve, bei der Schiffsanlegestelle stand die nächste Statue, diesmal die von Mahatma Gandhi, die hier im Jahr 2019 anlässlich seines 150. Geburtstages aufgestellt wurde.

Das letzte Mal hatte ich eine Mahatma-Statue in Hyderabad vor dem Unterhaus des Bundesstaates Telangana (ab 2014, damals noch Andhra Pradesh) in Indien im Jänner 2007 gesehen.

Gandhi-Statue vor dem Telangana Assembly (Unterhaus) Gebäude in Hyderabad

Und was war mit der Kaiserin Sissi? Auch sie hat eine Statue am Genfersee. Diese steht am Quai du Mont-Blanc bei der Rotonde du Mont-Blanc in Genf. Sie erinnert exakt am Ort des historischen Attentats an den 100. Todestag der österreichischen Kaiserin Elisabeth, die dort im Jahr 1898 von einem Anarchisten ermordet wurde. Wir haben diese Stelle im März 2018 bei unserem Aufenthalt in Genf besucht.

Damit sind alle Fragen, die ich mir am Anfang dieses Blogs gestellt hatte, beantwortet.

Durch das Rhonetal Richtung Süden nach Martigny

Das Rhonetal ist sehr breit und wird von der Landwirtschaft dominiert. In der Ferne kommen die hohen Berge immer näher, die Vorfreude auf die morgige Fahrt auf den Großen St.Bernhard steigt immer mehr.

Das Hotel liegt zwar direkt an der Straße zum Pass, war aber trotzdem etwas schwierig zu erreichen, da durch die kleine Stadt gleich zwei Umleitungen führten. Nach dem Checkin dauerte es aber nicht mehr lange, bis es zu schütten begann und ich hatte trotzdem wieder einen Fahrtag praktisch trocken absolviert.

Die 26 Schweizer Kantone interaktiv

Wer sich sich nach so vielen Kantonen an einem Tag (Zürich, Aargau, Luzern, Bern, Freiburg, Waadt, Wallis) dafür interessiert, wo welcher Kanton in der Schweiz liegt, kann sich mit dieser interaktiven Karte darüber informieren.

Der erste Tag der Heimreise vom Zürichsee nach Martigny

Die Route in Kurviger: https://kurv.gr/pzmvF

Montreux im März

Ich muss vorausschicken, dass meine Frau Schweizerin ist und wir daher einige Male im Jahr dort zu Besuch sind. Dabei ergibt sich auch immer die eine oder andere Sightseeing-Aktion. Diesmal soll es Montreux sein.

Schweizerdeutsche Begriffe und Abkürzungen werden am Ende erklärt!

Anreise mit Zmorge in der SBB

Wir starten wie immer in der Nähe von Zürich und fahren über Bern, Freiburg und Lausanne nach Montreux. Im Zug haben wir Zeit genug und geniessen im Speisewagen ein Zmorge mit Brot, Gipfeli, Konfi, Butter und einem Chäsplättli.

Von Lausanne bis Montreux führt die Strecke am Genfersee entlang, der aber noch fast vollständig im Nebel versunken ist, nur die schneebedeckten Berge der Schweizer und französischen Alpen leuchten in der Sonne.

Bekannte Persönlichkeiten wurden und werden vom See angezogen

Eine Vielzahl von Künstlern, Schriftstellern und Reisenden hatte und hat sich in der Region niedergelassen, wie zum Beispiel Charlie Chaplin, Igor Strawinsky, Kaiserin Sissi, Lord Byron, Vladimir Nabokov und Freddie Mercury. Dem ehemaligen Heim von Charlie Chaplin wollen wir einen Besuch abstatten.

In der Chaplin’s World

Vom Bahnhof geht es mit der Buslinie 201 bis zur Endstation Vevey Funi und dann mit einem Shuttlebus bis zum Chaplin-Museum. Wir haben die Eintrittskarten (Standard 30 CHF pro Person, mit fixem Datum bis zu 8 CHF günstiger / März 2023) schon vorab im Internet bestellt, darum gehen wir ohne Wartezeit direkt hinein und sehen einen kurzen Film über das Leben von Chaplin.

Danach hebt sich die Leinwand und wir befinden uns direkt im Museum, das vielen bekannten und weniger bekannten Filmkulissen nachempfunden ist. Nicht nur Charlie Chaplin, auch viele seiner Kolleginnen und Kollegen begegnen uns wie mitten in den Dreharbeiten als lebensgrosse Figuren.

Nach einem Kaffee im Café „The Tramp“ wollen wir wieder mit dem Shuttle zurück zum Ausgangspunkt bei der Talstation „Vevey Funiculaire“ der Standseilbahn. Leider macht der aber Mittagspause und so marschieren wir eben eine gute Viertelstunde zu Fuß hinunter.

Funiculaire auf den Mont-Pèlerin

Wir werden aber dadurch entschädigt, daß wir fast ohne Wartezeit mit der Standseilbahn duch die Weinberge an Chardonne vorbei hinauf auf den Mont-Pèlerin fahren können. Dort gönnen wir uns ein auch für Schweizer Verhältnisse überteuertes Mittagessen, aber der Ausblick entschädigt dafür. Da in der Zwischenzeit der Nebel teilweise aufgerissen hat, ist der Genfersee mit Vevey, Montreux und den umliegenden Bergen ein Genuß für unsere Augen.

Und noch eine weitere berühmte Persönlichkeit

Nach der Talfahrt geht es mit dem Bus zurück bis zur Station Montreux Marche, wo wir noch einen weiteren berühmten Gast besuchen. Freddie Mercury, der Sänger der Rockgruppe Queen, liess sich in Montreux nieder, weil er die Beschaulichkeit des Ortes liebte und erwarb hier ein Aufnahmestudio, wo er sein letztes Album mit der Gruppe Queen produzierte: „Made in Heaven“. Die Statue direkt an der Seepromenade haben wir natürlich besucht, für das Museum in den ehemaligen Queen-Studios war es uns aber zu spät.

Abschluss eines schönen Tages

Wir machen uns auf die Suche nach einem Café mit Patisserie, was sich als schwieriger als gedacht herausstellte. Erst direkt vor dem Bahnhof haben wir Glück und bekommen zum sehr guten Kaffee auch eine Süßigkeit, die unseren Wünschen nahekam.

Die unspektakuläre Rückfahrt haben wir uns mit einem Picollo Prosecco verkürzt und dabei diesen wirklich schönen Tag Revue passieren lassen.

Schweizer Begriffe

  • SBB – Schweizer Bundesbahn
  • Zmorge – Frühstück
  • Gipfeli – Butterkipferl
  • Konfi – Marmelade
  • Chäsplättli – Käseplatte